
INFORMATIONEN IM SCHLEUDERGANG
Bei einem derart beachteten Thema wie Mikroplastik entwickelt sich schnell eine Eigendynamik aus mehreren Faktoren, die sich gegenseitig verstärken. Die Wissenschaft sieht viel Forschungsbedarf, weil die kleinen Teilchen in zahlreichen Kontexten eine Rolle spielen. Da geht es von der menschlichen und tierischen Gesundheit über die Umweltverträglichkeit bis hin zu Entsorgung und Ersatz. Die Medien berichten über das Thema, weil es eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung hat und verlässlich gelesen wird. Dabei variieren sie auch stilistisch: mal nüchtern-sachlich, mal appellierend, mal aufgeregt-warnend. Hinzu kommt die Industrie, die in Werbung und auf Produktverpackungen gerne die Abwesenheit von Mikroplastik betont. Das alles formt auch die Wahrnehmung der Allgemeinbevölkerung, die das Thema längst dauerhaft auf dem Schirm hat. Ein abermaliger Blick in den BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung-Verbrauchermonitor beziffert die Bekanntheit bei den Befragten jahresübergreifend verlässlich über der 90 %-Marke. Die Aufmerksamkeit ist also da, die Informationen sind es auch. Und doch fehlt oft die wissenschaftlich fundierte Einordnung, die für den Kontext so wichtig ist.
PLÖTZLICH ALLES ANDERS?
Beispiele gibt es einige. Seit 2022 kursiert die Behauptung, dass wir pro Woche unwissentlich etwa 5 Gramm Mikroplastik mit unserer Nahrung aufnehmen würden – so viel wie eine handelsübliche Kreditkarte. Dieser so anschauliche und „plastische“ Vergleich verbreitete sich in Windeseile in der kollektiven Wahrnehmung und taucht seither immer wieder auf. Die Fachwelt hat das längst widerlegt, die Berechnung ist fehlerhaft und die Menge massiv zu hoch eingeschätzt – aber das drang nicht durch. Im Jahr 2024 erschien eine Studie, die Mikroplastikpartikel in Ablagerungen von Blutgefäßen, die das Gehirn mit Blut versorgen, gefunden hat. Eine weitere Studie, veröffentlicht in 2025, berichtete über den Nachweis von Partikeln im Gehirn verstorbener Personen – erneut ein kontroverser Ausgangspunkt für Beunruhigung, doch wie viel ist wirklich dran?
GENAUER BLICK NÖTIG
Um Wissensstand und Forschungsfragen aus mehreren Blickwinkeln zu beleuchten, hat das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung schon vor Jahren die „Arbeitsgruppe Mikroplastik“ gebildet. In dem multidisziplinären Team kommen Fachleute aus dem ganzen Institut zusammen. Die Gruppe berät intern und analysiert auch andere Studien, wenn sie neue Erkenntnisse versprechen oder eine große Aufmerksamkeit erregen. „Wir betrachten hier etwa, ob die Methodenwahl und Datenerhebung fachlich angemessen und die Schlussfolgerungen plausibel sind“, erklärt AG-Leiter Dr. Holger Sieg. Bislang hat sich fachlich allerdings nicht erhärtet, was in manchen Schlagzeilen oder Abstracts schon wie ein bahnbrechender Wendepunkt wirkte. Holger Sieg ergänzt: „Dennoch finden wir die zunehmende Forschung zum Thema sehr wichtig. Aufgrund vieler Unsicherheiten und Komplexitäten ist ein genauer Blick für die Einordnung unabdingbar – vor allem für die Wissenschaftskommunikation darüber.“
Deren Botschaft lautet: Bislang liegen keine belastbaren toxikologischen Hinweise auf gesundheitliche Risiken durch die Aufnahme von Mikroplastik über Lebensmittel vor.



