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Wie viel noch drin sein darf

Hand wirft vorsichtig Salat
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Pestizidrückstände in Lebensmitteln: Was bedeuten eigentlich Richt- und Grenzwerte?

Grenzen sollen schützen. Aber die Frage, wo sie gezogen werden können, ist häufig nicht leicht zu beantworten. Das gilt auch für den gesundheitlichen Verbraucherschutz, in dem „Grenzwerte“ eine zentrale Markierung darstellen. Im Terrain zwischen „unbedenklich“ und „riskant“ sollen sie Orientierung geben, sodass am Ende Äpfel, Kopfsalat und Eier ohne Bedenken genossen werden können. Tatsächlich handelt es sich bei den wissenschaftlich ermittelten Werten jedoch nicht um echte Grenzen, sondern um Richtwerte. Zu entscheiden, wo genau diese Wegweiser eingesetzt werden sollen, gehört auch zu den Aufgaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung). Ein Beispiel dafür sind die Festlegungen für Pflanzenschutzmittelwirkstoffe.

Entscheidend für die Bestimmung (oder „Ableitung“, wie es fachsprachlich heißt) eines gesundheitlichen Richtwertes ist eine solide wissenschaftliche Basis. Im Fall von Pflanzenschutzmittelwirkstoffen gehören zu dieser die für eine Genehmigung gesetzlich vorgeschriebenen Untersuchungen. Sie müssen vom Antragsteller veranlasst und den Behörden vorgelegt werden und erfolgen zu einem großen Teil an Mäusen und Ratten. Typischerweise bekommen drei Gruppen der Tiere über längere Zeit jeweils verschiedene Konzentrationen eines Wirkstoffs über das Futter verabreicht. Eine vierte Gruppe erhält keinen Wirkstoff und dient als Kontrolle. Im Folgenden wird ermittelt, ob die zu prüfende Substanz Effekte auf den Organismus hat.

WEGWEISER ZUM RICHTWERT 

„Wesentliche Grundlage für unsere Risikobewertung ist dann die Studie, die bei der niedrigsten Dosierung Wirkungen zeigt“, erläutert der BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung-Experte Dr. Lars Niemann. „Anhand dieser Daten bestimmen wir dann den entsprechenden NOAEL, den ,No Observed Adverse Effect Level‘ – das ist die höchste Konzentration eines Stoffes, bei der keine schädlichen Folgen bei den Versuchstieren beobachtet wurden.“ Der NOAEL weist damit den Weg zum Richtwert.

In einem zweiten Schritt wird der ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) „abgeleitet“. ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) steht für ,Acceptable Daily Intake‘ (Akzeptable tägliche Aufnahmemenge). Das ist die Menge eines Stoffes, die ein Mensch täglich ein Leben lang ohne erkennbares Gesundheitsrisiko aufnehmen kann. „Der ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) wird nicht eins zu eins vom NOAEL auf den Menschen übertragen, sondern dieser wird noch einmal durch einen Sicherheitsfaktor, zumeist von 100, geteilt“, erläutert Niemann. „Er beträgt also nur ein Hundertstel des NOAEL.“

Wie erklärt sich der 100-fache „Sicherheitsabstand“? Zum einen ist es wissenschaftlich akzeptiert, dass ein Faktor von Zehn eine mögliche höhere Empfindlichkeit des Menschen gegenüber dem empfindlichsten Versuchstier hinreichend abdeckt. Und zum anderen wird noch einmal durch Zehn geteilt, um die biologischen Unterschiede zwischen den Menschen zu berücksichtigen. Versuchstiere sind genetisch weitgehend identisch und reagieren damit sehr ähnlich auf eine Substanz. Bedingt durch Genetik, Geschlecht, Altersunterschiede, Vorerkrankungen und Stoffwechselunterschiede ist die Bandbreite an Reaktionen beim Menschen dagegen sehr viel größer. 

Neben dem ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) spielt mit der „Akuten Referenzdosis“ (ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis)) ein weiterer Richtwert eine wichtige Rolle. Die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) bezeichnet die Menge eines Stoffes, die über die Nahrung oder das Trinkwasser im Verlauf von bis zu 24 Stunden ohne erkennbare gesundheitliche Beeinträchtigung aufgenommen werden kann. Die Akute Referenzdosis ist damit der Richtwert für eine sehr kurze Spanne, während der ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) einen langen Zeitraum in den Blick nimmt. Im Unterschied zum ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) ist die Ableitung einer ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) für einen Wirkstoff nicht immer erforderlich, sondern meist nur dann, wenn es Hinweise auf akute Effekte gibt.

EXPERIMENT UND WIRKLICHKEIT 

Die Einheit des ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) und der ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) ist Milligramm (Wirkstoff) pro Kilogramm Körpergewicht (mgkurz fürMilligramm/kgkurz fürKilogramm Körpergewicht). Beide sind experimentell ermittelte Werte, gesundheitliche Richtwerte. Was noch fehlt, ist ihre Verankerung in der „wirklichen“ Welt, also die eigentliche Festlegung der Grenze für das Vorkommen eines Stoffes in Lebensmitteln. Das geschieht in einem dritten Schritt: bei der Festlegung von Rückstandshöchstgehalten (RHG) für einen Pflanzenschutzmittelwirkstoff. Diese müssen so niedrig sein, dass Verbraucherinnen und Verbraucher von dem Stoff weniger aufnehmen als es ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) und ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) entspricht. Ein RHG kennzeichnet die maximal zulässige Rückstandsmenge eines Wirkstoffs in oder auf Lebensmitteln. 

„Als Richtwerte sind der ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) und die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) ein Ergebnis der wissenschaftlichen gesundheitlichen Bewertung“, sagt Dr. Jens Schubert, stellvertretender Leiter der BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung-Abteilung „Sicherheit von Pestiziden“. „Der Rückstandshöchstgehalt dagegen ist die rechtlich verbindliche Grenze. Wird er überschritten, darf das betroffene Lebensmittel nicht mehr verkauft werden und muss vom Markt genommen werden.“

Zeichnung eines Apfels und einer Lupe
Copyright BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung

Um einen Rückstandshöchstgehalt abzuleiten, benötigt das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung über den festgesetzten ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) und die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) hinaus zum einen Informationen darüber, wie viel von einem Lebensmittel in den verschiedenen Altersgruppen der Bevölkerung durchschnittlich gegessen wird und wie viel einmalig höchstens verzehrt wird. Beides spielt in der Risikobewertung eine Rolle. Häufig konsumierte Produkte wie Kartoffeln, Äpfel oder Salat sind – auf die Lebenszeit gesehen – anders zu gewichten als nur gelegentlich verspeiste Früchte wie Ananas oder saisonales Gemüse wie Spargel. Mehr Konsum bedeutet unter Umständen auch die Aufnahme von mehr Pestizidrückständen. Die an einem Tag aufgenommene Menge kann aber sehr viel höher sein als die durchschnittlich verzehrte. Bei Pflanzenschutzmittelwirkstoffen, die akute Gesundheitseffekte auslösen können, muss daher auch der einmalige Konsum einer großen Portion eines Lebensmittels sicher und der RHG entsprechend niedrig festgesetzt sein.

„EIN MITTEL WIRD NICHT PAUSCHAL ZUGELASSEN, SONDERN NUR JEWEILS FÜR DIE BEANTRAGTE ANWENDUNG IN EINER BESTIMMTEN KULTUR.“

Dr. Jens Schubert

LEBENSMITTEL AM LIMIT

Zum anderen muss ermittelt werden, wie viel von einem Wirkstoff in einem Lebensmittel zurückbleibt. Ein Weg, um dies festzustellen, sind Feldversuche. Dabei wird ein Mittel in der für die spätere Anwendung vorgesehenen Dosierung bei einer bestimmten Kultur (etwa Äpfel, Weintrauben oder Tomaten) eingesetzt. Nach der Ernte wird gemessen, wie viel von dem Wirkstoff noch enthalten ist. „Ein Mittel wird nicht pauschal zugelassen, sondern nur jeweils für die beantragte Anwendung in einer bestimmten Kultur“, erläutert Schubert. „So macht es für die Rückstandsmenge je nach Kultur einen großen Unterschied, ob es kurz nach der Aussaat oder kurz vor der Ernte ausgebracht wird.“ 

Unter Berücksichtigung der üblichen Verzehrsmengen und der in den Feldversuchen gemessenen Wirkstoffkonzentrationen wird der Rückstandshöchstgehalt so festgelegt, dass er weder den ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) noch die ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) überschreitet. Seine Einheit ist Milligramm (Rückstand) pro Kilogramm (Lebensmittel), mgkurz fürMilligramm/kgkurz fürKilogramm. „Der Leitgedanke dabei ist: Soviel Wirkstoff wie nötig und so wenig wie möglich“, kommentiert Schubert.

WIE VIEL DRIN SEIN DARF: Ermittlungen von Rückstandshöchstgehalten von Pestiziden

Infografik Ermittlung von Rückstandshöchstgehalten von Pestiziden
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GRENZEN SCHÜTZEN 

Lebensmittel sind nur verkehrsfähig, wenn sie die Rückstandshöchstgehalte einhalten. Kontrolliert wird die Einhaltung durch Landesuntersuchungsämter, die regelmäßig Proben nehmen. Zudem unterhalten Supermarktketten Prüflabore und legen eigene, „verschärfte“ Standards fest. Was aber bedeutet es eigentlich, wenn ein Messwert nahelegt, dass ein gesundheitlicher Richtwert überschritten wurde? Markiert der Richtwert die Linie zwischen noch unbedenklich und schon ungesund? „Das ist zu stark vereinfacht“, sagt Lars Niemann.

„Eine kurzfristige Überschreitung des ADIkurz fürAcceptable Daily Intake (akzeptable tägliche Aufnahmemenge) hat normalerweise noch keine gesundheitliche Gefährdung zur Folge, weil dieser Richtwert unter der Annahme einer täglichen lebenslangen Aufnahme festgesetzt wurde.“ Anders sehe es aus, wenn der Messwert oberhalb der ARfDkurz fürAcute Reference Dose (akute Referenzdosis) liege: „In diesem Fall lässt sich eine mögliche Beeinträchtigung nicht von vorneherein ausschließen, da schon eine einmalige Dosis Folgen haben kann.“ Das Risiko ist gegeben – aber das heißt nicht, dass es eintreffen muss.

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