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Kategorie Schwerpunkt

Zwischen Hype und Halbwissen

Hand hält eine Pipette, aus der Flüssigkeit tropft, daneben offene kleine Behälter
Copyright Flasche: Krafla, Schein: Shadowstar / adobestock, Hand: Karsten Winegeart/unsplash
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Die Zahl der Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel einnimmt, ist hoch – genau wie die Zahl der Missverständnisse rund um diese Mittel. Fünf von ihnen auf dem Prüfstand.

Nehmen Sie Nahrungsergänzungsmittel? Vielleicht Vitamin D in der dunklen Jahreszeit? Oder Magnesium nach dem Sport? Johanniskraut für bessere Stimmung? Wenn ja, gehören Sie zu einer Mehrheit. In einer aktuellen Befragung im Auftrag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung) geben mehr als Dreiviertel der Befragten an, in den vergangenen zwölf Monaten ein Nahrungsergänzungsmittel (NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel) eingenommen zu haben. 

Wirklich überraschend ist das Ergebnis nicht. Schließlich werden in der Werbung, in den sozialen Medien oder im Bekanntenkreis oft verlockende Gesundheitsversprechen mit bestimmten Mitteln verknüpft – mal mehr, mal weniger subtil. Verblüffend ist jedoch, wie viele Missverständnisse es über NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel gibt; auch das zeigt die Befragung des BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung.

BfR–Befragung

  • 1.071

    Menschen ab 16 Jahren wurden für eine repräsentative Erhebung online befragt. 
    Themen waren Gesundheit, Ernährung sowie das Wissen über und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln.

1. Missverständnis

Nahrungsergänzungsmittel sind freiverkäufliche Arzneimittel

Dass diese Aussage stimmt, glaubt der aktuellen BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung-Studie zufolge ein Viertel aller Befragten, weitere 33 Prozent halten das für wahrscheinlich („trifft eher zu“). Doch tatsächlich ist dies eine falsche Annahme. Denn: NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel sind, rechtlich gesehen, Lebensmittel. Diese korrekte Aussage halten mehr als zwei Drittel der Befragten für falsch oder für eher falsch. Was genau unter NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel zu verstehen ist und welche Vitamine und Mineralstoffe ihnen zugesetzt werden dürfen, ist in der europäischen NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel-Richtlinie bzw. der in deutsches Recht umgesetzten Nahrungsergänzungsmittelverordnung (NemV) geregelt. 

So dürfen bei der Herstellung von NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel nur die in den Anhängen der Richtlinie gelisteten Vitamine und Mineralstoffe in den dort angegebenen Formen verwendet werden. Oft enthalten NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel auch sogenannte „sonstige Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung“. 

Dazu gehören etwa Aminosäuren, Fettsäuren, Ballaststoffe und pflanzenbasierte Stoffe, wie zum Beispiel Pflanzenextrakte oder sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. Welche „sonstigen Stoffe“ genau und in welcher Form und Dosis zugesetzt werden dürfen, ist bislang nur für wenige Einzelfälle geregelt. Warum ist eine Unterscheidung zwischen NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel und Arzneimitteln wichtig? Diese Frage führt zum zweiten, weit verbreiteten Missverständnis.

2. Missverständnis

Nahrungsergänzungsmittel werden behördlich geprüft, bevor sie auf den Markt kommen

Löffel mit Pillen und Kapseln
Copyright Löffel: Nikolai Sorokin / adobestock

Im Gegensatz zu Arzneimitteln, die ein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen, unterliegen NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel als Lebensmittel keiner Zulassungspflicht. Sie werden seitens der Behörden nicht auf ihre Sicherheit oder Verträglichkeit geprüft, bevor sie in den Handel kommen. Für die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Bestimmungen und für die Sicherheit ist allein der Lebensmittelunternehmer (Hersteller, Importeur, Anbieter beziehungsweise Vertreiber) verantwortlich. Möchte ein Unternehmer ein neues Produkt auf den Markt bringen, muss er dies bei der zuständigen Behörde – dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVLkurz fürBundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) – lediglich anzeigen. Das heißt konkret: ein Online- Formular ausfüllen.

Die Überwachungsbehörden der Länder sind für die Kontrolle der auf dem Markt erhältlichen Produkte zuständig und prüfen die Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben – also ob die Inhaltsstoffe und deren Dosierungen gesundheitlich unbedenklich sind oder auch, ob die Produkte korrekt gekennzeichnet sind. Geprüft werden allerdings nur Stichproben – ein Bruchteil der erhältlichen und kontinuierlich neu auf den Markt kommenden Produkte.

Die fehlende behördliche Bewertung, Prüfung und Zulassung ist vielen Menschen nicht bekannt. In der Befragung des BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung zeigten sich 47 Prozent völlig überzeugt oder zumindest eher überzeugt davon, dass NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel auf ihre gesundheitliche Unbedenklichkeit geprüft werden, bevor sie in Deutschland auf den Markt gebracht werden.

Die weit verbreitete Fehleinschätzung, dass es sich bei NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel um frei verkäufliche Arzneimittel handelt, dürfte ein Grund für das dritte gängige Missverständnis sein.

3. Missverständnis

Mit Nahrungsergänzungsmitteln lassen sich Krankheiten oder Beschwerden behandeln

Gefragt nach den Gründen für die Einnahme von NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel gibt immerhin fast die Hälfte der Befragten an, damit Krankheiten oder gesundheitliche Beschwerden behandeln zu wollen (Aussage „trifft voll und ganz zu“: 16 Prozent; Aussage „trifft eher zu“: 30 Prozent). Allerdings sind NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel gerade NICHT dazu gedacht, wie ein Medikament zur Behandlung von Krankheiten eingesetzt zu werden. NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel dürfen auch nicht mit „krankheitsbezogenen“ Aussagen beworben werden; d.h., es dürfen ihnen keine Eigenschaften der Vorbeugung, Behandlung oder Heilung einer menschlichen Krankheit zugeschrieben werden. Sogenannte „gesundheitsbezogene Angaben“ sind nur dann erlaubt, wenn sie von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSAkurz fürEuropean Food Safety Authority (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit)) wissenschaftlich geprüft und von der EU-Kommission ausdrücklich zugelassen wurden (sogenannte „Health Claims“). Zwei Beispiele für zugelassene Claims: „Calcium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt“ oder „Vitamin C trägt zur Verringerung von Müdigkeit und Ermüdung bei“.

Es ist unstrittig, dass Vitamine und Mineralstoffe wichtige Funktionen im Körper haben und eine Unterversorgung oder gar ein Mangel daran zu körperlichen Störungen führen beziehungsweise krank machen kann. Aus diesem Grund wird vegan lebenden Menschen zum Beispiel empfohlen, Vitamin B12 über NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Denn dieses Vitamin steckt ausschließlich in tierischen Lebensmitteln und würde Veganerinnen und Veganern sonst fehlen, selbst wenn sie sich vielfältig und ausgewogen ernähren. Ein anderes Beispiel für eine sinnvolle Nahrungsergänzung: Folsäure für Frauen, die eine Schwangerschaft planen. Durch eine konsequente Supplementierung dieses Vitamins (400 Mikrogramm pro Tag) entsprechend den Empfehlungen vor und im ersten Drittel der Schwangerschaft lässt sich das Risiko schwerer kindlicher Fehlbildungen (Neuralrohrdefekte wie zum Beispiel ein so genannter offener Rücken, fachlich: Spina bifida) senken. Untersuchungen zeigen nämlich, dass die meisten Frauen im gebärfähigen Alter die von der Weltgesundheitsorganisation zur Risikoreduktion von Neuralrohrdefekten empfohlene Folat-Konzentration bei Weitem nicht erreichen.

Diese Beispiele stehen für die wenigen Fälle, in denen Fachleute zu einer gezielten Einnahme von NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel raten. Wer ohne besonderen Anlass einen Mikronährstoffmangel fürchtet, vielleicht weil die eigene Ernährung nicht ganz so ausgewogen und abwechslungsreich scheint wie empfohlen, sollte zunächst mit einer Ärztin oder einem Arzt Rücksprache halten und nicht eigenmächtig zu NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel greifen. Erst wenn eine unzureichende Versorgung nachgewiesen ist, kann gegebenenfalls auf ein NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel zurückgegriffen werden. Denn wer bereits ausreichend mit einem Nährstoff versorgt ist, hat von einer zusätzlichen Nährstoffzufuhr keine Vorteile – was zu Missverständnis Nummer 4 führt.

4. Missverständnis

Auch Menschen mit ausgewogener Ernährung profitieren von Nahrungsergänzungsmitteln

Für diese Behauptung gibt es momentan keine wissenschaftlichen Belege. 37 Prozent der Befragten halten sie dennoch für richtig oder eher richtig. Fachleuten zufolge ist eine zusätzliche, über den Bedarf hinausgehende Einnahme von Vitaminen oder Mineralstoffen bei ausreichend versorgten Personen im besten Fall Geldverschwendung. Wie Untersuchungen zeigen, werden die von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) für die gesunde Bevölkerung abgeleiteten Zufuhrreferenzwerte mit einer abwechslungsreichen Ernährung in der Regel erreicht. Aber: Wer durch die Einnahme von NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel auf Nummer sicher gehen möchte, schadet sich doch zumindest nicht – oder doch? Diese Frage führt zum fünften Missverständnis.

Eine Hand hält Pillen, daneben Tabletten-Blister und ein Dosierlöffel
Copyright Tablettenschachtel: Nikolai Sorokin, Hand: SENTELLO, Löffel: photographyx / adobestock

5. Missverständnis

Nahrungsergänzungsmittel sind harmlos, weil eine Überversorgung mit Mikronährstoffen nicht möglich ist

NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel müssen als Lebensmittel gesundheitlich unbedenklich sein. Eine unnötige zusätzliche Einnahme von Vitaminen oder Mineralstoffen kann aber zu unerwünschten gesundheitlichen Wirkungen führen, vor allem bei Präparaten mit hohen Dosierungen. So kann die langfristige eigenständige Einnahme sehr hochdosierter Vitamin-D-Präparate die Calciumkonzentration im Blutserum stark erhöhen, was akute Beschwerden wie Müdigkeit, Übelkeit oder Herzrhythmusstörungen verursachen, bei sehr hohen Dosierungen langfristig aber auch die Nieren schädigen kann. Auch wurde in Studien beobachtet, dass hohe Dosen Beta-Carotin in Form von NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel das Lungenkrebsrisiko bei Menschen, die rauchen, erhöhten. Die zusätzliche Einnahme von Biotin kann labordiagnostische Untersuchungen verfälschen, und eine extra Dosis Vitamin K kann die Wirkung bestimmter gerinnungshemmender Medikamente herabsetzen.

Um gesundheitliche Beeinträchtigungen durch NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel mit Vitaminen oder Mineralstoffen zu vermeiden, hat das BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung Höchstmengenempfehlungen für die Verwendung dieser Stoffe in NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel und angereicherten Lebensmitteln erarbeitet. Dabei wurden auch Vorschläge für spezielle Hinweise auf den Produkten erarbeitet, die dazu dienen sollen, auf die mit NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel gegebenenfalls verbundenen gesundheitlichen Risiken hinzuweisen oder bestimmte Risikogruppen von deren Verwendung auszuschließen. Gesetzlich festgelegte Höchstmengen gibt es aber momentan weder auf europäischer noch auf nationaler Ebene. Auch NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel, die „sonstige Stoffe“ mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung enthalten, wie etwa Aminosäuren, essenzielle Fettsäuren oder Pflanzeninhaltsstoffe, können zu unerwünschten Wirkungen führen, zumal deren Verwendung bis auf wenige Einzelfälle nicht geregelt ist. So können zum Beispiel Präparate mit Omega-3-Fettsäuren bei Personen mit Herzerkrankungen das Risiko für Vorhofflimmern erhöhen.

Auch wurden in der Vergangenheit wiederholt pharmakologisch wirksame Substanzen in Produkten nachgewiesen, die als NEMkurz fürNahrungsergänzungsmittel bezeichnet und zum Beispiel zur Gewichtsreduktion oder zur Potenzsteigerung angeboten werden. Zu vielen der „sonstigen Stoffe“ ist zudem die Datenlage zur Toxizität nicht ausreichend. Bei Zweifeln oder Unklarheiten sollte daher lieber auf die Einnahme derartiger Produkte verzichtet werden.

Hand hält Tabletten-Blister, darunter ein Gefäß mit Pulver und Dosierlöffel

Nahrungsergänzungsmittel sind, rechtlich gesehen, Lebensmittel, keine Arzneimittel. Sie bedürfen keiner behördlichen Zulassung und heilen keine Krankheiten. Sie sind für gesunde Menschen bei einer ausgewogenen und abwechslungsreichen Ernährung in der Regel unnötig und können gesundheitliche Risiken bergen, vor allem bei hohen Dosierungen.

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BfR-Wissensportal zu Vitaminen, Mineralstoffen & Co.

In welchen Lebensmitteln stecken Vitamine und essenzielle Mineralstoffe? Werde ich krank, wenn ich zu wenig oder zu viel davon aufnehme? Soll ich besser gleich Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, um meinen Bedarf zu decken? Bei Fragen wie diesen hilft mikroco-wissen.de weiter – das Informationsangebot des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung). Es informiert über Mikronährstoffe, also Vitamine und Mineralstoffe, und erläutert, wofür der Körper diese braucht. Außerdem werden zahlreiche weitere Substanzen vorgestellt, die in Nahrungsergänzungsmitteln und angereicherten Lebens mitteln zu finden sind. 

Vorbeiklicken auf Externer Link:mikroco-wissen.de

Highlights der aktuellen Ausgabe

  • Melone in der Sonne
    Copyright Scott Webb/unsplash

    Lebensmittelsicherheit im (Klima)Wandel

    Die globale Erwärmung mit all ihren Folgen bedroht Umwelt, Tiere, Pflanzen – und die Gesundheit des Menschen, indem sich das Risiko für lebensmittelbedingte Erkrankungen erhöht. Ein Überblick.

  • diverse Periodenprodukte
    Copyright Blut: Amir, Binde/Tasse: Morena @adobestock

    (K)Ein Grund, rot zu sehen

    Metalle, Pestizide, Biozide: Immer wieder kursieren Nachrichten über gesundheitsschädliche Stoffe in Periodenprodukten. Welche Risiken können von Tampons und Co. ausgehen?

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