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"Es gilt, Unsicherheit zu akzeptieren"

Portrait John Ioannidis
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Was ist gute Wissenschaft? John Ioannidis ist Professor an der Universität Stanford und einer der meistzitierten Medizinforscher. Der Arzt und Epidemiologe untersucht die Qualität wissenschaftlicher Studien, bekannt als Meta-Forschung.

Herr Ioannidis, Sie haben einmal geschrieben: „Forschen ist wie Schwimmen im nächtlichen Ozean“. Was genau meinen Sie damit?

Nachts im Meer zu schwimmen, kann vergnüglich, geheimnisvoll oder gefährlich sein. In der Wissenschaft ist es genauso. Es macht Spaß und ist aufregend, von so viel Unbekanntem umgeben zu sein, von so vielen unbeantworteten Fragen und Geheimnissen. Gleichzeitig kann es riskant sein, voller Möglichkeiten für Fehler, Konflikte und Voreingenommenheit – man kann ertrinken oder „Haien“ zum Opfer fallen. Wissenschaft ist keine einfache Sache, man merkt ständig, wie wenig man weiß. Aber der Prozess der Entdeckung (und hoffentlich der Verringerung) unseres Unwissens sollte Vergnügen bereiten.

Mit Ihrem provokativen Aufsatz „Warum die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind“ lösten Sie vor 20 Jahren eine weltweite Debatte über Qualitätsprobleme in der Forschung aus. Einer Ihrer Hauptkritikpunkte waren statistische Mängel in Studien. Welche Entwicklungen gibt es seither?

Ich denke, die große Mehrheit der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist inzwischen bis zu einem gewissen Grad für diese Probleme sensibilisiert. Viele arbeiten aktiv daran, Lösungen zu finden. Es hat sich eine tragfähige, große Gemeinschaft entwickelt, die Forschung über Forschung betreibt, bekannt als Meta-Forschung oder Meta-Wissenschaft. Wir haben Methoden, Forschungspraktiken und die Verwendung von Instrumenten verbessert. Das macht Forschung transparenter, reproduzierbarer und hoffentlich sogar nützlich – wenn es um angewandte Forschung geht. Dies bedeutet nicht, dass wir alle Herausforderungen gelöst haben.

Was muss getan werden, um die Wissenschaft auf den „richtigen Weg“ zu bringen?

Es gibt kein Patentrezept. Geldgeber, Universitäten, Institutionen, Gesellschaften, Aufsichtsbehörden und andere Stellen, die die Wissenschaft regulieren, müssen ihre Belohnungs- und Anreizstruktur auf das Erlangen zuverlässiger, vertrauenswürdiger Erkenntnisse ausrichten. Die Wissenschaftler sind selbst möglicherweise die einflussreichsten Betreiber strengerer Forschungspraktiken. „Graswurzel“-Bewegungen zur Verbesserung von Präzision und Reproduzierbarkeit sind im Vergleich zu reinen Top-Down-Ansätzen vermutlich erfolgreicher. Forschung nach den besten Standards und Methoden und mit möglichst wenig Voreingenommenheit zu betreiben, sollte nicht als Belastung oder Bürokratie angesehen werden – im Gegenteil, sie ist ein wesentlicher Bestandteil guter Wissenschaft.

Sie haben während der Pandemie Maßnahmen wie die Schulschließungen kritisiert und sind damit auf viel Widerspruch gestoßen.

Ich war der Meinung, dass Schulschließungen und andere aggressive Abriegelungsmaßnahmen auf Basis der uns damals zur Verfügung stehenden Erkenntnisse wahrscheinlich keinen zusätzlichen Nutzen über gezieltere und gemäßigtere Maßnahmen hinaus bringen und großen Schaden anrichten würden. Nach heutigem Wissen haben diese Vorkehrungen in der Tat keine Menschen gerettet, sondern möglicherweise sogar indirekt Menschenleben gefordert und Schulbildung, seelisches Wohlergehen, das Gesundheitswesen, die Wirtschaft sowie die ganze Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen. Damals glaubte ich, dass Masken und Impfstoffe effizient sein würden. Bei den Impfstoffen hatte ich vermutlich recht, aber bei den Masken lag ich wohl falsch, denn die derzeit besten Studien deuten nicht auf eine große Wirksamkeit hin.

Welche Lehren sollte die Wissenschaft aus der Pandemie ziehen? 

Vorschriften sind oft nicht der beste Weg: Sie können mehr Probleme verursachen als der potenzielle bescheidene Nutzen einiger Maßnahmen. Ich fürchte, dass der Vertrauensverlust in die Wissenschaft und die öffentliche Gesundheit zum Teil durch irrationale Vorgaben genährt wurde. Wir sollten alle aus unseren Fehlern lernen und uns dazu verpflichten, strenge wissenschaftliche Methoden anzuwenden, Politik und Forschung nicht zu vermischen oder Influencer mit wissenschaftlicher Evidenz zu verwechseln. Es gilt, Unsicherheit zu akzeptieren und bereit zu sein, unsere Ansichten zu revidieren, wenn sich bessere Beweise ergeben.

Highlights der aktuellen Ausgabe

  • Melone in der Sonne
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    Die globale Erwärmung mit all ihren Folgen bedroht Umwelt, Tiere, Pflanzen – und die Gesundheit des Menschen, indem sich das Risiko für lebensmittelbedingte Erkrankungen erhöht. Ein Überblick.

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    Metalle, Pestizide, Biozide: Immer wieder kursieren Nachrichten über gesundheitsschädliche Stoffe in Periodenprodukten. Welche Risiken können von Tampons und Co. ausgehen?

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