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Schicke Chemie

Frau im Regenmantel
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Von Geburt an tragen wir nonstop Kleidung direkt auf der Haut. Für deren Herstellung sind Chemikalien unerlässlich. Ein Problem?

Blusen in knallbunten Farben, antibakteriell ausgerüstete Strümpfe oder wasserdichte Jacken – moderne Bekleidung soll nicht nur gut aussehen, sondern auch funktional und praktisch sein. Bei ihrer Herstellung kommen viele Chemikalien zum Einsatz, und zwar von der Gewinnung der Rohfaser über deren Verarbeitung beim Spinnen, Weben und Färben bis hin zur Fertigstellung des Kleidungsstücks.

Sind Textilien mit besonderen Eigenschaften ausgestattet, werden tendenziell mehr Chemikalien verwendet. Aber auch ohne „Sonderwünsche“ an die Bekleidung ist eine Textilherstellung ohne chemische Zusätze heutzutage quasi unmöglich. Viele der eingesetzten Chemikalien sind im fertigen Produkt nicht mehr enthalten. Ausrüstungsmittel, die den Textilien besondere Eigenschaften verleihen, verbleiben hingegen im Kleidungsstück. Sie können sich unter Umständen aus der Faser lösen und über die Haut in den Körper gelangen. Ist das mit Blick auf die Gesundheit bedenklich? „Von Kleidung, die nach den hierzulande geltenden Vorschriften hergestellt wird, gehen im Allgemeinen keine gesundheitlichen Risiken für Verbraucherinnen und Verbraucher aus“, sagt Suna Nicolai, die am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung) die Sicherheit von Verbraucherprodukten bewertet. „Dazu tragen verschiedene Gesetze bei, über die eine Reihe problematischer Substanzen reguliert ist.“ 

GRENZWERTE SCHÜTZEN 

Bekleidungstextilien sind rechtlich gesehen Bedarfsgegenstände und dürfen laut Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch die Gesundheit der Verbraucherinnen und Verbraucher nicht gefährden. Für einzelne Chemikalien gibt es konkrete Regelungen, wie Grenzwerte oder Anwendungsverbote, die unter anderem in der europäischen Chemikalienverordnung REACH niedergelegt sind. So gibt es Grenzwerte für bestimmte Weichmacher und für weitere sogenannte CMR-Stoffe, also Stoffe, die krebserzeugend (cancerogen), erbgutschädigend (mutagen) oder fortpflanzungsgefährdend (reprotoxic) wirken.

Reguliert sind außerdem einige Stoffe aus der Gruppe der „Ewigkeitschemikalien“ PFAS (siehe Schwerpunktbeitrag ab S. 8). Die Verwendung einiger dieser problematischen Fluorchemikalien – wegen ihrer wasser- und ölabweisenden Eigenschaften bisher für Outdoor-Kleidung eingesetzt – ist inzwischen verboten, weitere PFAS stehen vor dem Aus. Gut zu wissen ist, dass es für diese wasserabweisenden Substanzen in Outdoor-Kleidung Alternativen gibt.

Daneben sind zahlreiche sogenannte Azofarbstoffe, die größte Gruppe von Farbstoffen, strikt reguliert. Von diesen können durch die Aktivität von Bakterien am und im Körper primäre aromatische Amine abgespalten werden. Das sind organische Verbindungen, von denen einige krebserzeugend oder erbgutschädigend wirken können. Insgesamt 22 dieser gesundheitsschädlichen Spaltprodukte sind unter REACH aufgeführt. Die Anwendung hunderter Azofarbstoffe ist damit quasi verboten, weil die Grenzwerte so streng sind, dass es einem Verwendungsverbot gleichkommt.

Kleidung entsteht nur mit Chemie

Chemikalien kommen an allen Stationen des Herstellungsprozesses zum Einsatz

Infografik wie Kleidung entsteht
Copyright BfRkurz fürBundesinstitut für Risikobewertung

ERST WASCHEN, DANN TRAGEN

Allerdings gibt es hunderte weitere Azofarbstoffe, deren Aktivität im Körper noch nicht genau bekannt ist. „Für viele Substanzen liegen derzeit nicht genügend Daten für eine Gefahreneinstufung vor“, sagt Suna Nicolai. „Allerdings zeigen Daten zur Freisetzung von Farbstoffen aus Bekleidungstextilien, dass der Kontakt mit diesen Farbstoffen in den meisten Fällen gering ist. Dadurch ergibt sich auch ein geringes Risiko.“ 

Verbraucherinnen und Verbraucher können beim Kauf nicht erkennen, welche Chemikalien in Textilien vorhanden sind, eine entsprechende Pflicht zur Kennzeichnung gibt es nicht. Hinweise wie „separat waschen“ oder „mit ähnlichen Farben waschen“ deuten darauf hin, dass Farbstoffe freigesetzt werden könnten. „Es ist daher eine gute Idee, Kleidung vor dem ersten Tragen zu waschen“, sagt Nicolai. „Denn mit jedem Waschgang nimmt die Menge von potenziell freisetzbaren Chemikalien ab.“

Zudem sollten Verbraucherinnen und Verbraucher abwägen, ob sie Textilien mit besonderen Eigenschaften wirklich benötigen, also etwa bügelfreie oder wasserabweisende.

Highlights der aktuellen Ausgabe

  • Glasfläschchen mit Tiger-Muster
    Copyright Tigermuster: Max van den Oetelaa @unsplash, Flasche: marc chesneau @gettyimages und KI-Unterstützung bei Flaschenmuster

    Mittellos?

    Wenn die Gefahr zum Risiko wird: Die geplante Neueinstufung von Ethanol gefährdet dessen Einsatz als Desinfektionsmittel. Und sie wirft ein Schlaglicht auf die Frage, wie Chemikalien bewertet werden sollen.

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